Weltsicht


Im Laufe meiner therapeutischen Arbeit in den letzten 20 Jahren hat sich meine Sicht auf Krankheit, Gesundheit, Heilung und unser Dasein immer wieder verändert.

Mittlerweile sehe ich Menschen - und das ist nicht auf meine Patienten/innen beschränkt, ebenso wenig schließt es mich aus - in ihrem Innersten als sehr ähnlich.

Wir alle sind getrieben von einer Sehnsucht nach Glück, Zufriedenheit und Sorglosigkeit. Nur zu viele Angebote werden uns im Außen unterbreitet, um dieses Ziel ENDLICH zu erreichen. Werbung oder Fortbildungsangebote, Coaching und Selbsthilfegruppen haben Hochkonjunktur in dieser hektischen, unpersönlichen Zeit und unserer nicht 'artgerechten' Umgebung.

Wir wollen hier raus, wir wollen Urlaub, wir wollen zurück ins Paradies. Allzu beschränkend und einengend ist oft unser Alltag. Wir sind Getriebene, die ein phantastisches Ziel vor Augen haben und allein der Gedanke, irgendwann dorthin zu kommen, lässt uns durchhalten.

Oder auch nicht mehr. Plötzlich streikt der Körper, Krankheiten und Stimmungsschwankungen treten auf und trotz all unserer Bemühungen sind wir unserem Ziel kein bisschen nähergekommen.

Warum ist es so schwierig, glücklich und gesund zu sein oder wieder zu werden?


Die erste Reaktion auf eine Diagnose ist normalerweise und völlig verständlich: 'Das will ich nicht haben!' Der Betroffene entwickelt einen inneren Widerstand, die Diagnose ist der Feind, und schon beginnt der Kampf gegen diesen Feind.

Leider verstärkt aber unser innerer Widerstand regelmäßig unser Leiden. Je weniger gern ich etwas habe, umso mehr wird es zum Feind, umso mächtiger und beherrschender wird dieser Umstand. Kampf ist das Gegenteil von Frieden und Glück.

Was wäre aber, wenn die Krankheit nicht unser Feind, sondern ein Wink (von wem auch immer) wäre, ein Hinweis darauf, dass in unserem Leben etwas schief läuft, dass die Prioritäten, die wir gesetzt haben, 'ungesund' sind?

Wenn die Beschwerden uns nur sagen wollten: 'Es gibt etwas in Deinem Inneren, das Du noch nie beachtet hast.' Vielleicht ein unterdrücktes Gefühl, ein traumatisches Erlebnis, einen Schmerz, der verdrängt wurde, weil er zu groß gewesen wäre, um ihn auszuhalten.

Dann müssten sich die Beschwerden und das Befinden in irgendeiner Art und Weise verändern, leichter werden, wenn der Mensch anfinge, sich um dieses verdrängte, unbewusste 'Etwas' zu kümmern, also es wahrzunehmen, ihm Raum zu geben, in Frieden damit zu kommen.

Dieses 'Annehmen' hätte auch nichts von der inneren Kampfhaltung, mit der sich ein Patient normalerweise mit seinem Problem auseinandersetzt. Es wäre vielmehr ein 'JA' zu dem, was ist.

Erst wenn es gelingt, den Widerstand gegen das, was ist, loszulassen, kann der Startpunkt für den so oft zitierten 'Weg', den ein Mensch gehen will/soll (?) erkannt werden. Es ist schwer, eine Reise anzutreten, ohne zu wissen, von wo aus es losgehen soll. Bei einer reinen Fokussierung auf das angestrebte 'Paradies', ohne Erkennen der inneren Ausgangssituation, kommt es zwangsläufig zur Orientierungslosigkeit. Auch das Navi kann nicht navigieren, ohne zu wissen, wo der momentane Standort ist....


Aus diesen Überlegungen heraus spielt für meine therapeutische Begleitung die Lebenssituation und die Vergangenheit meines/meiner Patienten/Patientin eine wichtige Rolle. Das Erkennen der inneren Konflikte und systemischen Verstrickungen, also die 'Standortanalyse' ist bei chronischen Erkrankungen genau der Punkt, der über bloße Linderung oder tatsächliche Heilung eines Leidens (='Ziel') entscheidet. Dabei bedeutet Heilung nicht zwingend das völlige Verschwinden aller körperlichen Beschwerden. Oft zeigt sich, dass die innere Heilung am Ende unserer Zusammenarbeit auch für den Betroffenen das noch größere Geschenk ist.


Während meiner Begleitung steht also neben der 'stofflichen' Therapie auch die Aufforderung an den/die Patienten/Patientin, ein Gefühl, eine Wahrnehmung für sein Inneres, für seinen Körper, seine Bedürfnisse, seine Kreativität und seine Fähigkeiten zu entwickeln. Es ist nicht viel zu tun, eigentlich ist es nur ein 'sich erinnern' daran, wer man wirklich ist, woher man wirklich kommt. Ein Ja-Sagen zu dem, wer und wie man wirklich ist, fernab aller egozentrierten Selbstbilder. Durch das Erinnern erkennt man sich selbst in der Tiefe seiner Seele und bekommt wieder Zugang zu der eigenen inneren Führung und damit zum inneren Heiler:


Der äußere Heiler kann den inneren Heiler nur aufwecken.

Heilen kann ausschließlich der innere Heiler.


Meiner Ansicht nach ist alles, was ich zur 'Erinnerung' beitragen kann, dem Menschen den Raum und die Gelegenheit dafür zu bieten. Ich gebe meinen Patienten/Patientinnen Übungen an die Hand, die sie selbst zuhause (denn dort sind sie krankgeworden, also müssen sie auch dort wieder gesund werden) durchführen können. Natürlich unterstütze ich auch auf der körperlichen Ebene, damit die Voraussetzungen für die seelischen Prozesse möglichst optimal werden. Die entscheidende Lösung wird aber gerade bei chronischen Erkrankungen immer auf der seelischen Ebene stattfinden müssen.


Am Ende meiner Begleitung steht im Idealfall ein Mensch, der sich und seine Lebensthemen kennt und sie angenommen, integriert und befriedet hat. Ein Mensch, der wieder Zugang zu seiner inneren Führung, seiner ICH-Kraft und seinen Potentialen hat und seinen ureigensten, individuellen Weg nun ohne Widerstand und Kampf gehen kann. Ein Mensch, der JA sagt zu seinem Leben.

 

 

Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.

Albert Einstein